Aufsatz Prof. Joseph Straus – Wem gehört das Genom? – Teil 3

1. Wem gehört das Genom?

c) Die Öffentlichkeit und die Frage der “zeitlich begrenzten“ Aneignung der genetischen Information

Die hier interessierende Frage verdanken wir einerseits der modernen Gentechnik und den gebündelten internationalen Anstrengungen das gesamte menschliche Genom zu entschlüsseln, die im Juni 2000 mit der Bekanntgabe, die Rohsequenz der mehr als 3,12 Milliarden Basenpaare sei entschlüsselt, ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht haben (7) , andererseits der Erkenntnis, dass die mit Hilfe der neuen Technik gewonnene und Dank dieser Technik nutzbar gewordene genetische Information insbesondere im Bereich der Medizin und bei der Herstellung neuer Medikamente erfolgreich und mit Gewinn eingesetzt werden kann. Medikamente wie Epogen (Erythropoietin) zur Stimulierung der körpereigenen Produktion von roten Blutkörperchen, und Neupogen (Granulocytenkolonien stimuliertende Faktoren) zur Anregung der Eigenproduktion von weißen Blutkörperchen, werden unter Verwendung der diese Proteine kodierenden humanen Gensequenzen hergestellt und sind seit Anfang der 90er Jahre auf dem Markt. Sie erzielen inzwischen jährlich Milliardenumsätze (8) . Es liegt auf der Hand, dass der Besitz entsprechender genetischer Informationen und die Verfügungsrechte darüber sowohl für Forscher wie auch für Industrie attraktiv sind. Es kann daher nicht verwundern, dass das aus öffentlichen Mitteln einer Reihe von Staaten getragene Humangenomprojekt, dessen Forscher sich darauf verständigt haben, die von ihnen entschlüsselten Rohsequenzdaten unverzüglich via Internet jedermann zugänglich zu machen und nicht zu patentieren (9) , auch private Konkurrenz bekam, die nicht wenig dazu beigetragen hat, dass die Rohsequenz frühzeitig aufgeschlüsselt werden konnte. Die private Konkurrenz kündigte allerdings von Anfang an an, dass sie bis zu 300 vollständige Gensequenzen mit aufgeklärten Funktionen zum Patent anmelden will (10) . In einer gemeinsamen Erklärung vom 14. März 2000 forderten Präsident Bill Clinton und Premier Tony Blair, dass die Rohsequenzdaten der DNA des Humangenoms allen Wissenschaftlern frei zugänglich gemacht werden müssen (11) . Wodurch die Frage der Zugänglichkeit zu Rohsequenzdaten des Humangenoms und ihrer Patentierung zum wahren Politikum geworden ist. Dies brachten auch Bruce Albers, Präsident der US National Academy of Sciences, und Sir Aaron Klug, Präsident der Royal Society of London, in ihrer Erklärung „The Human Genome Itself Must Be Freely Available to all Humankind“, zum Ausdruck (12) . Schwierigkeiten beim Datenaustausch gibt es allerdings auch unter Forschern außerhalb der Industrie. Insbesondere Kliniker fürchten, dass Molekularbiologen sie um die Früchte ihrer jahrelangen Arbeit bringen könnten, wenn sie ihnen die empirisch mühsam erarbeiteten genetischen Daten zur Verfügung stellten (13) .

Auch der europäische Gesetzgeber hat frühzeitig die Bedeutung der Nutzung der genetischen Information humanen Ursprungs für medizinische und pharmazeutische Zwecke erkannt. Er erkannte allerdings auch, dass hierfür enorme Investitionen in Forschung und Entwicklung notwendig werden, die es europaweit anzuspornen und abzusichern gilt. Bereits 1988 legte daher die EG-Kommission einen Vorschlag für eine Richtlinie über den rechtlichen Schutz biotechnologischer Erfindungen vor (14) , in dem die Patentierung von natürlich vorkommenden Substanzen, also auch der DNA, ausdrücklich vorgesehen wurde. Es folgte eine mehrjährige kontroverse Diskussion, in deren Verlauf der Vorschlag mehrere Überarbeitungen erfuhr, aber stets so formuliert blieb, dass isolierte menschliche Gene als patentierbar anzusehen waren. Nach dem der Vorschlag 1995 zunächst im Europäischen Parlament scheiterte, wurde eine in Zusammenarbeit zwischen der Kommission, dem Europäischen Parlament und dem Rat ausgearbeitete Fassung der Biopatentrichtlinie dann am 6. Juli 1998 endgültig verabschiedet (15) . Darauf wird noch einzugehen sein.
Als sich abzuzeichnen begann, dass der europäische Gesetzgeber Gensequenzen ausdrücklich als dem Patentschutz zugänglich erklären würde, reagierte die interessierte Öffentlichkeit darauf durchaus gespalten. Während sich die Deutsche Forschungsgemeinschaft, ebenso wie vorher schon die Human Genome Organization (16) , unter Anerkennung des Patentschutzes als eines wichtigen Faktors des Wissens- und Technologietransfers im Bereich der Genforschung, unter der Voraussetzung für die Patentierung aussprach, dass die im Patentrecht anerkannten Grundsätze der Bindung der Patentierung an die Grenzen der öffentlichen Ordnung und guten Sitten unangetastet bleiben und streng auf die Einhaltung der Patentierungsvoraussetzungen geachtet wird, insbesondere keine unfertigen, spekulativen Erfindungen, wie Gensequenzen ohne definierte Funktion, zum Patent führen dürften, ausgesprochen hat (17) , reagierten insbesondere Vertreter der Ärzteschaft ablehnend. In einer Stellungnahme zur Patentierung menschlicher Gene und DNA Sequenzen widersprach die Kommission für die Öffentlichkeitsarbeit und ethische Fragen der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik ausdrücklich den Plänen der EG-Kommission und erklärte u.a.:

„Das menschliche Genom ist Allgemeingut, zu dem der ungehinderte Zugang jeder Zeit sichergestellt sein muß. Dieses Prinzip darf durch kommerzielle Interessen nicht eingeschränkt werden.

Menschliche DNA-Sequenzen – innerhalb und außerhalb ihrer natürlichen Umgebung – sind Entdeckungen und keine Erfindungen. Sie sind Teil des menschlichen Körpers und sollten als solche nicht patentierbar sein.

Gegen eine Patentierung menschlicher DNA-Sequenzen spricht weiterhin, dass sie die Nutzung von spezifischen Sequenzvarianten durch Andere – z.B. zum Zwecke der Entwicklung diagnostischer Tests – und damit die weitere Forschung behindern kann.“ (18)

Auch der Präsident der Bundesärztekammer ließ sich ähnlich vernehmen: Bei den Erbinformationen handle es sich nicht um Erfindungen von Forschern, sondern um natürlich vorkommende Substanzen. Wenn es überhaupt einen Erfinder der Gene gäbe, wären es – je nach Weltanschauung – Gott oder die Evolution (19) .

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