Aufsatz Prof. Joseph Straus – Wem gehört das Genom? – Teil 1

1. Wem gehört das Genom?

a) Gene und Genome

Wenn man bedenkt, dass das Genom die Gesamtheit aller Gene eines Individuums darstellt und die Gene und nicht die sich ständig erneuernden Zellen, die physischen Träger der DNA, seine Identität bestimmen, erscheint die Frage danach, wem das Genom gehöre reichlich rhetorisch. Wem sonst sollte es gehören, als dem Individuum dessen Bestandteil es ist und dessen Identität es bestimmt? Dass man sich mit einer solchen Antwort etwas zu leicht täte und dem Problem nicht ganz gerecht würde, verdeutlicht die folgende Überlegung des Philosophen Karl R. Popper:

„Und alles Leben, alles was je gelebt hat und was heute lebt, ist das Resultat von Teilungen der Urzelle. Es ist daher die noch lebende Urzelle. Das sind Dinge, die kein Biologe bestreiten kann und die kein Biologe bestreiten wird. Wir alle sind die Urzelle, in einem ganz ähnlichen Sinn (‚Genidentität‘), in dem ich derselbe bin, der ich vor dreißig Jahren war, obwohl sich vielleicht kein Atom meines jetzigen Körpers in meinem damaligen Körper befand.“ (1)

Der Umstand, dass die gesamte belebte Natur der “Urzelle“ entstammt, hat nicht nur zur Folge dass der genetische Code, d.h. die Zuordnung zwischen einer vorgegebenen Nukleotidsequenz und den Aminosäuren, so gut wie für alle Organismen derselbe ist, sondern auch, dass wir die unsere genetische Identität bestimmende Information sowohl mit anderen Menschen, als auch mit Vertretern anderer Spezies weitgehend teilen. Mit Schimpansen immerhin 98,5% der DNA in jeder gegebenen Region des Genoms (2) . Die Unterschiede zwischen den einzelnen Vertretern einer Spezies sind naturgemäß um Größenordnungen geringer. Deshalb ist es wesentlich zwischen einzelnen Genen und ihren Eigenschaften und zwischen den Genomen und ihren Eigenschaften zu unterscheiden und sich stets bewußt zu sein, dass es zwischen der genetischen Gesamtinformation, die der Spezies Mensch gemeinsam ist und der Information eines individuellen Genoms, zwar qualitativ äußerst wichtige, quantitativ aber wenig ins Gewicht fallende Unterschiede gibt. Dies bringt auch der Entwurf einer UNESCO Erklärung zum Humangenom und Menschenrechten von 1997 zum Ausdruck, in dem es u.a. heißt:
„The human genome underlies the fundamental unity of all members of the human family, as well as the recognition of their inherent dignity and diversity. In a symbolic sense, it is the heritage of humanity.“
Damit werden sowohl die individuelle genetische Einmaligkeit als auch die genetischen Gemeinsamkeiten des Menschen anerkannt (3) .

Die Überlegung Karl R. Poppers verdeutlicht aber auch eine andere wichtige Besonderheit im Zusammenhang mit Genen und dem Genom: nämlich ihre strukturell-informationelle Doppelnatur. Sie sind zum einen, als biochemische Substanz, Bestandteil der sich ständig erneuernden Zellen, die durch komplizierte biochemische Reaktionen dafür sorgen, dass jede Tochterzelle wieder einen vollständigen Chromosomensatz erhält und damit die “Genidentität“ sichert. Andererseits sind sie, losgelöst von dem physischen Träger, als eine wertvolle Information zu begreifen, die für die Herstellung von Produkten mit spezifischen Funktionen verantwortlich ist. Solche Produkte sind z.B. Proteine wie Blutgerinnungsfaktoren, verschiedene Interferone, Erythropoietin oder etwa Insulin, oder auch RNA-Moleküle. Mit anderen Worten, obwohl jedem Individuum sein eigenes Genom, als die Gesamtheit seiner physisch existierenden DNA-Moleküle zuzuordnen ist, teilt er sich die darin enthaltene Information, die auch unabhängig von ihrem physischen Träger Ihre Funktion erfüllen kann, fast zur Gänze mit anderen Individuen.

Die Frage danach, wem gehört das Genom, bedarf daher einer differenzierteren Betrachtung. Zu unterscheiden ist zum einen zwischen den einzelnen Genen und Ihrer Gesamtheit, dem Genom, und zum anderen, zwischen den physischen Trägern sowohl einzelner Gene als auch ihrer Gesamtheit und der darin enthaltenen Information (4) .

Dieser Beitrag wurde unter Genomstation veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar