Fortpflanzung – Der Sinn von Sex

Was lebt, vermehrt sich. Selbst die Viren, die keinen eigenen Stoffwechsel haben, erfüllen diese einfache Regel: Ihr einziges Lebensziel ist die eigene Reproduktion. Ohne Vermehrung gibt es also kein Leben – aber Sex ist dafür eigentlich nicht nötig.

Fortpflanzung

Zellen können sich teilen. Sie verdoppeln ihr Erbgut, trennen die Kopien in gegenüber liegende Zellhälften und schnüren sich dann in der Mitte ab. Auf diese Weise entstehen aus einer Mutter- zwei identische Tochterzellen, daraus dann vier, acht, sechzehn und so weiter. Auch unsere Embryonalentwicklung verläuft so: Der Anfang ist eine Eizelle, und am Ende steht ein erwachsener Mensch mit 300 Billionen Körperzellen vor uns. Männer sind für die Fortpflanzung eigentlich unnötig – die Frauen könnten genauso gut vollständige Eizellen bilden, anstatt auf die andere Hälfte des Erbguts im Spermium angewiesen zu sein. Viele Tiere – von der Gespenstheuschrecke bis zur Strumpfbandnatter – können sich zumindest auch nach diesem Parthenogenese, also Jungfernzeugung, genannten Schema vermehren. Wozu also Sex?

Ohne sexuelle Fortpflanzung hätten wir alle das selbe Erbgut und wären eineiige Zwillinge. Alle Menschen sähen gleich aus – woran man sich gewöhnen könnte –, aber: Wir hätten uns auch seit Jahrmillionen kaum verändert. Denn wir vermehren uns zu langsam, als dass einfache Mutationen sich schnell genug auswirken könnten. Weil sich aber nur verbessern kann, wer sich verändert, könnten wir uns einer veränderten Umwelt nicht anpassen – und würden uns noch heute durch den Urwald schwingen.

Der Mensch hat einen doppelten Chromosomensatz, das heißt jedes Chromosom ist in zwei Kopien vorhanden. Man spricht von homologen Chromosomen, von denen wir je eines von der Mutter und eines vom Vater erben. Bevor die Chromosomen in die Gameten, also in die Eizellen oder die Spermien, verpackt werden, wird kräftig gemischt: Alleine dadurch gibt es viereinhalb Millionen Kombinationsmöglichkeiten, also Kinder mit unterschiedlichen Erbanlagen.

Bei der Meiose entstehen aus einer diploiden Vorläuferzelle vier haploide Gameten. Mütterliche und väterliche Erbanlagen werden dabei gemischt.
Bei der Meiose entstehen aus einer diploiden Vorläuferzelle vier haploide Gameten. Mütterliche und väterliche Erbanlagen werden dabei gemischt.

Noch bedeutender ist allerdings ein Vorgang, der vor der Trennung der homologen Chromosomen passiert: Das Crossing-Over. Dabei lagern sich die Schwesterchromosomen aneinander und tauschen Teilstücke aus. So kann es passieren, dass wir die Augen vom Großvater, aber die Nase von der Großmutter haben, selbst wenn beide Anlagen auf dem gleichen Chromosom liegen. Nicht immer werden dabei die passenden Teile ausgetauscht. Manchmal verwachsen auf diese Weise Gene, die vorher nichts miteinander zu tun hatten, es können Gene verdoppelt werden oder verloren gehen, verkürzt oder verlängert sein.

Wie alle Veränderungen ist das nicht immer vorteilhaft. Wenn etwa ein lebenswichtiges Gen betroffen ist, wird das entstehende Kind schwer krank sein. Im anderen, wünschenswerten Fall entsteht jedoch eine neue Fähigkeit, die vielleicht Vorteile bringt. So wäre die Welt für uns längst nicht so farbig, wenn nicht irgendwann ein Gen für das Farbsehen verdoppelt worden und damit ein neuer Fotorezeptor entstanden wäre: So kamen wir dazu, Grün von Rot zu unterscheiden. Manche Menschen haben sogar mehrere Gene für den gleichen Rezeptor. Durch einzelne Mutationen sprechen diese Rezeptoren auf verschiedene Wellenlängen des Lichtes an, und der Träger dieser Erbanlagen sieht Farben, die der Rest der Menschheit nicht sieht. Auf so manches Kunstwerk könnte diese Erkenntnis ein neues Licht werfen.

Durch die geschlechtliche Vermehrung werden also die vorhandenen Erbanlagen vermischt und neue erzeugt. Besonders wichtig ist das für Lebewesen, die wie wir lange brauchen, um geschlechtsreif zu werden und sich damit nur langsam Veränderungen anpassen können. Nur so können wir mit unserer Umwelt Schritt halten. Das ist also der Sinn des Treibens unter der Bettdecke: Sex ist ein Motor der Evolution.

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2 Kommentare zu Fortpflanzung – Der Sinn von Sex

  1. lars sagt:

    Hallo,
    mir ist unklar, wie sich die weiblichen chromosome verhalten, wenn zwei spermien in die eizelle eindringen?
    da die eizelle nur 23 ein chromatid chromosome enthält aber durch die zwei spermien jetzt doppelt soviele männliche ein chromatid chromosome vorhanden sind, müssen sich die ein chromaid chromosome der frau ja verdoppeln oder teilen.wie und wann geschieht dieser vorgang?
    bitte um antwort!
    mfg lars

  2. Yasemin sagt:

    Der Beitrag ist zwar schon etwas älter, aber ich antworte trotzdem mal.
    Bei Zwillingen gibt es ja zwei Möglichkeiten: entweder eineiige oder zweieiig.
    Eineiige Zwillinge sind das was du meinst, dabei sind aber nicht zwei Spermien beteiligt sondern nur ein Spermium, das die Eizelle ganz normal befruchtet. Im ganz frühen Stadium der Entwicklung findet dann zufällig eine ungeschlechtliche Fortpflanzung statt, d.h. die Zelle teilt sich und es entstehen zwei selbstständige Lebewesen.
    Wenn zweieiige Zwillinge entstehen sind wie im Namen enthalten zwei Eizellen vorhanden, d.h. Entweder die Eizelle hat zufällig zwei Zellkerne (kann bei der Meiose schon mal vorkommen) oder eine der drei anderen Eizellen, die bei der Meiose entstehen hat ‚überlebt‘. (zur Erinnerung: Meiose ist die Bildung von Keimzellen. Bei einem Männlichen Lebewesen werden aus einer einzigen Zelle 4 Spermien gewonnen, bei einem weiblichen Lebewesen dagegen für gewöhnlich nur eine. Die drei anderen reifen nicht vollkommen heran). Bleibt also eine der anderen drei Eizellen hat der Haupteizelle haften, so können auch beide Eizellen befruchtet werden.
    Ich hoffe das beantwortet die Frage 🙂

    KORREKTUR:

    *Nicht die Zelle teilt sich um ganz frühen Stadium, sondern die Zygote!
    Sorry, Tippfehler.

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